Tagung "Gymnasium im ländlichen Raum" in Deggendorf

Bayerische Direktorenvereinigung (BayDV*) fordert die Stärkung der Gymnasien im ländlichen Raum

Deggendorf, 1. Februar 2013

Bayerische Direktorenvereinigung (BayDV*) fordert die Stärkung der Gymnasien im ländlichen Raum

-Bildungsgerechtigkeit bedeutet: Gymnasial geeignete Kinder müssen wirklich am Gymnasium ankommen

- Schüler an ländlichen Gymnasien dürfen nicht weniger Angebote vorfinden als in Bayerns Ballungszentren

Mit den Problemen der Gymnasien im ländlichen Raum setzten sich rund 100 Landes- und Kommunalpolitiker sowie Schulleiter auseinander, die auf Einladung von BayDV und Bayerischem Philologenverband (bpv) ans Robert-Koch-Gymnasium nach Deggendorf gekommen waren.

Trotz Eignung kein Übertritt aufs Gymnasium

In der bayerischen Bildungslandschaft droht eine Zweiteilung. „Während die Gymnasien in den Speckgürteln der Bevölkerungszentren nahezu überborden und die Übertrittsquoten schwindelnde Höhen erreichen, bleiben im ländlichen Raum gute Schülerinnen und Schüler dem Gymnasium zunehmend fern“, stellte der Vorsitzende der bayerischen Direktorenvereinigung Karl-Heinz Bruckner fest. Der Vorsitzende der Vereinigung der gymnasialen Schulleiter warnte vor einem Rückfall in die Bildungsmisere der 60er Jahre. „In manchen Regionen Bayerns ist die Bildungsgerechtigkeit infrage gestellt“. So besuchten beispielsweise im niederbayerischen Rottal nur 26 Prozent der Schüler nach der 4. Klasse ein Gymnasium. Bayernweit läge die Quote bei 40 Prozent, in den Ballungszentren weit darüber. „Die Kinder in Niederbayern sind jedoch genauso geeignet und fähig ein Gymnasium zu besuchen wie ihre Altersgenossen in den Städten“, erklärte Bruckner. Dem Kultusministerium lägen die Zahlen aus den Übertrittszeugnissen der Grundschulen vor. Rund 46 Prozent der niederbayerischen Schüler bekämen demnach die Eignung für das Gymnasium von den Grundschulen bestätigt. Das ist eine deutliche Diskrepanz zum Übertrittsverhalten.

Schlechte Busanbindung am Nachmittag

Wir müssen die Kinder auf dem Land auf ihrem Weg ins Gymnasien mehr unterstützen“, forderte Bruckner und weiß sich hier im Einklang mit den Forderungen der Eltern. Vielerorts seien zum Beispiel die Wege zur nächsten Schule noch zu lang, die Anbindung mit Bussen zu schlecht oder diese überfüllt. „Viele Schulen müssen Unterrichtsstunden kürzen und Sechstklässlern Mammuttage mit neun und mehr Stunden Pflichtunterricht verordnen, weil Busse oft nur ein einziges Mal am Nachmittag fahren“, berichtete Günther Kratzer, Vorsitzender der niederbayerischen Direktorenvereinigung und Schulleiter am Gymnasium in Grafenau. Landkreise und Kommunen seien oft mit der Schülerbeförderung finanziell überfordert und deshalb zwangsläufig weniger interessiert, dass Schüler die weiter entfernten Gymnasien mit zusätzlichem Nachmittagsunterricht besuchten. Noch schlimmer sehe es bei den Ganztagsangeboten aus. „Ganztagsklassen auf dem Land machen erst dann Sinn, wenn die Schüler auch nach dem Ende der Betreuung zeitnah nach Hause fahren können“, stellte Kratzer fest. Er forderte für die ländliche Region, die Schulstandorte und die Schülerbeförderung so weit auszubauen, dass endlich jeder Schüler innerhalb von 45 Minuten Schulweg ein Gymnasium erreichen könne.

Verschärfter Akademikermangel im ländlichen Raum absehbar

Mit einer Übertrittsquote von fast 10 Prozent unter dem Landesschnitt darf Niederbayern nicht zufrieden sein“, bestätigte der Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in Niederbayern, Klaus Drauschke, die Forderung der Schulleiter. Mittelständische Betriebe und auch die Handwerkskammern klagten immer häufiger über den Mangel an Abiturienten in der ländlichen Region. Akademischen Nachwuchs aus den Ballungsgebieten zu bekommen, sei meist aussichtlos. „Die ländlichen Regionen müssen ihre Abiturienten selbst ausbilden und mit attraktiven Angeboten in der Region halten“, forderte Drauschke. Er wünsche sich regionale Schulentwicklungspläne für Niederbayern, damit Bildungsreserven besser genutzt würden. Der demographische Wandel werde den Fachkräftemangel auf dem Land schnell verschärfen. In Niederbayern allein fehlen im Zeitraum bis 2025 jährlich 600 Akademiker. Das bedeutet 5 % der verfügbaren Stellen bleiben unbesetzt, wenn nichts dagegen getan wird“, so Drauschke. Abiturienten hätten im Handwerk gute Chancen, sei es als leitende Mitarbeiter oder als selbständige Betriebsinhaber. In Niederbayern gehe man hier beispielsweise mit dem Projekt „Unternehmergymnasium Bayern“ in Pfarrkirchen auch bundesweit ganz neue Wege, um Gymnasiasten für die Unternehmensnachfolge oder Firmengründung im ländlichen Raum zu gewinnen.

Bildungspotentiale der Region ausschöpfen

Schüler an ländlichen Gymnasien dürfen nicht weniger Angebote vorfinden als in Bayerns Ballungszentren“, forderte Vorsitzender Karl-Heinz Bruckner. Für die Einrichtung beispielsweise von Ausbildungsrichtungen oder Ganztagsklassen könne nicht alleine die aktuelle Schülerzahl entscheidend sein. „Das Angebot jeder einzelnen Schule muss mit Weitsicht auf die möglichen Bildungspotentiale einer Region ausgerichtet sein“, so der Vorsitzende. Landgymnasien bräuchten deshalb mehr Personal, um auch in ihrer Region die wichtigsten Ausbildungsrichtungen, Sprachenfolgen sowie Betreuungs- und Fördermaßnahmen bereitstellen zu können. Beispielsweise benötige der Ausbau der gebundenen Ganztagsklassen auf dem Land mehr Anstrengung und Anschubfinanzierung. „Wenn bei uns 15 Eltern ihre Kinder in der Ganztagsklasse anmelden, dann werden die anderen Klassen automatisch größer und die Ganztagsbetreuung kann kaum sinnvoll umgesetzt werden“, bestätigte Peter Brendel vom Gymnasium Pfarrkirchen, das seit drei Jahren gebundene Ganztagsklassen in den 5. Klassen versuchsweise eingerichtet hat.

Gymnasien machen den ländlichen Raum angesichts demographischer und ökonomischer Entwicklungen attraktiver und bereichern außerdem das kulturelle Angebot einer Regionzum Beispiel mit Konzerten, Theateraufführungen, internationalem Schüleraustausch und vielen Kunstprojekten. Großer Beliebtheit erfreuten sich zum Beispiel die Theaterklasse am Gymnasium in Pocking, die Bläserklasse in Mallersdorf-Pfaffenberg oder die Streicherklasse am Gymnasium in Grafenau.

Zum Abschluss der Veranstaltung ist die Verabschiedung einer gemeinsamen Resolution** der Bayerischen Direktorenvereinigung mit dem Bayerischen Philologenverband geplant.

Um die gymnasiale Bildung im ländlichen Raum auszubauen, werden als Forderungen u.a. vorgeschlagen

 

  • von der Politik Handlungskonzepte für die angemessene materielle und personelle Ausstattung ländlicher Regionen,

  • vom Kultusministerium eine bessere personelle Ausstattung und entsprechende Ressourcen sowie flexiblere Organisationsmodelle insbesondere an kleineren Gymnasien,

  • von den Hochschulen eine Verlagerung von Einrichtungen in Außenstellen, z.B. Technologiezentren im ländlichen Raum und

  • von den Landkreisen und Kommunen eine stärkere Unterstützung bei der Profilierung der einzelnen Gymnasien und noch größere Anstrengungen zur Verbesserung der Schülerbeförderung.

* Die BayDV vertritt den Großteil der Schulleitungen an den 413 Gymnasien in Bayern.

  Ca. 387.000 Kinder und Jugendliche besuchen diese Schulart.

**Die Resolution im Wortlaut ist nach Ende der Tagung verfügbar unter www.baydv.de

 Landesvorsitzender Karl-Heinz Bruckner, OStD

 

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