Einführungsrede des Landesvorsitzenden zur Hauptversammlung

„Das bayerische Gymnasium – Qualität durch Eigenverantwortung“

Bamberg, den 6. Oktober 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

unser Tagungsthema wird Sie nicht überrascht haben. Seit einigen Jahren taucht die „Eigenverantwortliche Schule“ an allen Ecken und Enden auf. In der Koalitionsvereinbarung der jetzigen Regierungsparteien ist sie sogar als ein wesentliches schul- und bildungspolitisches Ziel festgehalten. Wohl existiert momentan auch ein Gesetzesentwurf zur Stärkung der Eigenverantwortlichkeit von Schulen, der eigentlich auch schon den einzelnen Verbänden zum Zweck der Verbandsanhörung hätte übermittelt werden sollen. Wir sind sehr gespannt, inwieweit unsere bereits geäußerten Forderungen darin Eingang gefunden haben.

Regierung, Opposition, LEV, bpv, BLLV, vbw – alle sprechen von der „Eigenverantwortlichen Schule“, auch wir. Ob freilich alle auch das Gleiche meinen, da bin ich mir ganz und gar nicht sicher. Lassen Sie mich deshalb kurz skizzieren, was wir, die BayDV, darunter verstehen.

Eigenverantwortung wird von zwei Prinzipien getragen: Dem Subsidiaritätsprinzip und dem Prinzip der Verantwortlichkeit.

Spätestens seit der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft zur Europäischen Union ist uns Subsidiarität ein geläufiger Begriff. Eine Organisationseinheit regelt alles, was sie selbst regeln kann auch selbst. Erst Aufgaben, die ihre Möglichkeiten übersteigen, werden von der nächstgrößeren Einheit übernommen. Demzufolge regelt die Eigenverantwortliche Schule all das, was sie vor Ort selbst regeln kann. Der Staat, respektive das Kultusministerium, regelt alles, wozu eine einzelne Schule nicht in der Lage ist. Hört sich einfach an und ist eigentlich auch einfach.

Das KM gibt Stundentafeln und Lehrpläne vor, die für uns verbindlich sind. Und das, meine Damen und Herren, ist gut so, weil dadurch einheitliche Bildungsstandards im ganzen Land gesichert werden. Wie diese Vorgaben umgesetzt werden, das ist eindeutig Sache der Schule.

Die Versorgung der einzelnen Schulen mit Lehrkräften ist Sache des Staates. Auch wenn es auf den ersten Blick verlockend erscheinen mag, wenn sich Schulen ihre Lehrer selbst suchen und aussuchen können sollen, Bildungsgerechtigkeit im ganzen Land kann nur durch eine zentrale Lehrerzuweisung sichergestellt werden.

Subsidiarität bedingt also eine klare Aufgabenteilung zwischen Staat und Schule. Die Eigenverantwortliche Schule regelt die ihr zugewiesenen Aufgaben selbst, das Ministerium hat sich nicht einzumischen. Hier sind wir nach meiner Überzeugung auf dem richtigen Weg. Insbesondere die Budgetierung der Schulen war ein großer Schritt in diese Richtung.

Subsidiarität funktioniert aber nur dann, wenn die Beteiligten ihren Aufgaben verlässlich nachkommen. Wem man Aufgaben zuweist, dem muss man auch die zu deren Erledigung erforderlichen Ressourcen zuweisen. Wenn wir ein bestimmtes Maß an Unterricht erteilen sollen, dann brauchen wir die dafür erforderlichen Lehrkräfte. Und wenn man Lehrkräfte zuweist, dann muss man auch bedenken, dass Lehrerinnen und Lehrer erkranken können. Werden länger erkrankte Lehrkräfte an einer Schule nicht oder nur teilweise ersetzt, wird Unterrichtsausfall nicht zu vermeiden sein. Nachdem insbesondere im letzten Schuljahr die Mittel für Aushilfen eher spärlich flossen, wurden diese nun deutlich aufgestockt, ebenso die Stellen für die mobile Reserve.

Die Frage, ob es besser ist, etwas vor Ort oder zentral zu regeln, ist eine höchst spannende. In diesem Schuljahr wurden 25 Schulen mit einer integrierten Lehrerreserve ausgestattet. Es gilt herauszufinden, ob einzelne Schulen dem Unterrichtsausfall wirkungsvoller begegnen können, wenn sie dafür Ressourcen vor Ort haben und nicht erst von der Zentrale anfordern müssen. Nicht alles kann man vom Grünen Tisch aus regeln. Manches im Rahmen der Subsidiarität muss man halt einfach einmal ausprobieren und dazu brauchen wir die notwendigen Spielräume.

Wer Aufgaben und Ressourcen bekommt, muss sich dem Aufgaben- und Ressourcengeber gegenüber verantworten. Sich verantworten heißt Antworten zu geben. Wir Schulen haben insbesondere auf zwei Fragen zu antworten. Zunächst: Haben wir unsere Arbeit gut gemacht? Wir leisten die wichtigste Arbeit, die in einem Gemeinwesen geleistet werden kann. Wir bereiten unsere Kinder auf das Leben vor. Unsere Arbeit entscheidet über deren Zukunft und damit über die Zukunft unserer Gesellschaft. Meine Damen und Herren, ich kenne keinen Beruf mit dem eine höhere Verantwortung verbunden wäre, als mit dem Beruf der Lehrerin, des Lehrers und in zugespitzter Form der Schulleiterin und des Schulleiters. Wir Direktorinnen und Direktoren bayerischer Gymnasien sind uns dessen bewusst und wir stellen uns tagtäglich dieser Verantwortung. Der Maßstab für die Qualität unserer Arbeit ist zuerst die gelingende Bildung und Erziehung unserer Kinder. Und wenn Bildungspolitiker mit Stolz darauf verweisen, dass unsere bayerischen Kinder in bundesweiten und internationalen Vergleichstests beständig hervorragend abschneiden, so ist das zu allererst die Folge der hervorragenden Arbeit, die an den bayerischen Gymnasien tagtäglich von den Lehrerinnen und Lehrern und von den Direktorinnen und Direktoren geleistet wird. Diese Leistung, meine Damen und Herren, lassen wir uns von keinem BLLV und auch sonst niemanden schlecht reden.

Die zweite Frage, der wir uns stellen müssen, ist die Frage nach dem Umgang mit den uns zur Verfügung gestellten Ressourcen. Es handelt sich dabei um Steuermittel, der schonende und ökonomische Umgang mit diesen Ressourcen muss für uns selbstverständlich sein und erfordert ein effektives und effizientes Schulmanagement. Leider fehlen uns hier vielfach die Zeit und die Ausstattung. Noch immer warten wir auf ein vernünftiges Schulverwaltungsprogramm und noch immer erschweren uns übertrieben erscheinende Regelungen des Datenschutzes unsere Arbeit.

Das Prinzip der Verantwortlichkeit ist ein umfassendes. Wir Direktorinnen und Direktoren stehen nicht nur in der Verantwortung für unsere Schulen, wir stehen in der Verantwortung für unsere Schulart, für das Bayerische Gymnasium. Ebenso haben die Lehrkräfte nicht mehr nur Verantwortung für ihren eigenen Unterricht zu tragen, sondern sind für ihre gesamte Schule mitverantwortlich. Diese umfassende Verantwortlichkeit erfordert nach unserer Meinung aber neue Führungsstrukturen an unseren Schulen. Natürlich werden wir Direktorinnen und Direktoren auch künftig die letzte Verantwortung für das tragen, was an unseren Schulen passiert. In der Eigenverantwortlichen Schule können und wollen wir aber nicht mehr allein alle Verantwortung tragen, insbesondere nicht mehr allein die Personalverantwortung. Hier brauchen wir die Unterstützung durch eine Erweiterte Schulleitung. Wer nach A15 bezahlt werden will, muss auch dazu bereit sein, Personalverantwortung zu übernehmen. Wie wir uns das vorstellen, haben wir mehrfach dem Minister und dem Ministerium gegenüber dargestellt und auch in einem Positionspapier niedergelegt. Wir fordern, dass die gesetzlichen Grundlagen für die Erweiterte Schulleitung nun zügig geschaffen werden und wir fordern insbesondere, dass unsere Erfahrungen und unsere berufliche Expertise Richtschnur für die Umsetzung sind.

Eigenverantwortliche Schule meine Damen und Herren ist kein Selbstzweck. Eigenverantwortung muss zwingend zu mehr Qualität führen. Eigenverantwortung muss bei den Schülern ankommen und muss sich konkret in der Unterrichtsqualität zeigen. Wir sind überzeugt, und erste Ergebnisse aus MODUS F zeigen es ja deutlich: eine neue Führungsstruktur mit überschaubaren Führungsspannen führt zu einer deutlich höheren Berufszufriedenheit bei den Lehrkräften. Dies spüren unsere Schülerinnen und Schüler unmittelbar im Unterricht. Führung und Leitung lässt sich nicht so nebenbei bewältigen, Führung erfordert Zeit, Leitungszeit. Ohne ausreichende Leitungszeit kann Eigenverantwortliche Schule nicht gelingen, das habe ich immer wieder betont. Die Ressourcen dafür schaffen einen Mehrwert für unsere Schüler und unsere Gesellschaft, das muss auch der sparsamste Haushälter im Landtag erkennen.

Meine Damen und Herren, mehr Qualität durch mehr Eigenverantwortung, davon sind wir überzeugt. Wir Direktorinnen und Direktoren stellen uns dieser Verantwortung. Wir wollen unseren Beitrag für mehr Qualität leisten. Und wir wollen und werden unseren Beitrag dazu leisten, dass auch in Zukunft das Bayerische Gymnasium das Flaggschiff nicht nur der bayerischen, sondern auch der deutschen Schullandschaft bleibt. Nicht unseretwegen, nicht wegen der Bildungspolitiker, die in den Zeiten vor Wahlen immer besonders heftig und hektisch über Reformen nachdenken. Wir leisten unseren Beitrag unserer Kinder wegen, die eine gute Schule verdient haben.

Herzlichen Dank!

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